Einsicht in die Kriegsstammrollen
Um mehr über die Militärzeit meines Großvaters und seiner Brüder während des Ersten Weltkrieges zu erfahren, wollte ich Einsicht in die Kriegsstammrollen der Bayerischen Armee nehmen. Diese Dokumente befinden sich im Kriegsarchiv in München, einem Bestandteil des Bayerischen Hauptstaatsarchives. Das Unterfangen erwies sich jedoch als schwieriger als erwartet.
Bereits im März 2009 hatte ich an einer Führung durch das Kriegsarchiv teilgenommen, die für Mitglieder des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde anberaumt wurde. Während der Führung hieß es, jeder könnte unangemeldet vorbeikommen. Schon damals führte das Zeigen der Räumlichkeiten durch einen Raum, in dem ein Mitarbeiter eines amerikanischen Unternehmens stand, und ohne Unterlaß mit augenscheinlicher Spezialausrüstung Dokumente einscannte.
Ein knappes Jahr später nahm ich mir die Zeit, um beim Kriegsarchiv die Kriegsstammrollen meiner Vorfahren ausfindig zu machen. Vor Ort erklärte mir der freundliche Mitarbeiter jedoch, dass die Einsichtnahme in die Dokumente nicht möglich ist. Der Aufwand ist für die Mitarbeiter zu hoch. Nur noch in begründeten Ausnahmefällen wird die Einsichtnahme gewährt. Der Mitarbeiter empfahl mir, auf den Internet-Seiten des amerikanischen Unternehmens nachzusehen. Bis im Verlaufe eines halben Jahres müssten die gewünschten Dokumente dort recherchierbar sein. Ich musste also unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren.
Auf die Idee mit der Online-Recherche bin ich vorher selbst gekommen. Schließlich ist es vergleichsweise bequem, zu Hause im Internet zu stöbern. Es wurde ja in der Presse verschiedentlich auf diese neue Möglichkeit verwiesen. Allerdings entnahm ich den Meldungen nicht, dass bislang nur ein Teil der Kriegsstammrollen online verfügbar ist. Der Rest soll nach und nach ergänzt werden. Zugunsten des amerikanischen Anbieters ist anzumerken, dass die Unvollständigkeit der Dokumente auf deren Internet-Seiten angesprochen wurde. Die Heeresverbände, denen mein Großvater zugeordnet war, waren noch nicht online verfügbar.
Weil ich schon einmal die Internet-Seite vor mir hatte, gab ich die Daten meines Großvaters einschließlich dessen Geburtsdatum ein. Die Recherche lieferte einige Dutzend Ergebnisse. Im Detail ließen sich die Ergebnisse nur bei Abschluss eines halbjährigen Abonnements abrufen (wobei sich das Abonnement nur bei rechtzeitiger Kündigung nicht verlängert). Etwas verwundert nahm ich nun an, dass doch Unterlagen meines Großvaters vorhanden sind. Ich schloss also das Abonnement ab, um mir die Ergebnisse genauer anzusehen. Und hier wurde ich enttäuscht. Die Suche zeigte nicht die gesuchten Ergebnisse an, sondern alle möglichen mehr oder minder ähnlichen Ergebnisse. Es waren Ergebnisse von Personen dabei, bei denen das Geburtsjahr um viele Jahre abwich. Als Resultat für das Abonnement erhielt ich also einen Stapel unbrauchbarer Resultate. Die Unbrauchbarkeit konnte ich erst beurteilen, nachdem ich das Abonnement abgeschlossen hatte. Ich persönlich fühle mich von dem amerikanischen Unternehmen getäuscht ob dieses Lockangebotes.
Nun, das Vorgehen des Unternehmens ist nichts neues, sondern entspricht offenbar seit Jahren deren Geschäftsmodell - auch mir war das bekannt. Von verschiedenen Seiten gab es in der Vergangenheit bereits Kritik an diesem Vorgehen. Normalerweise würde man hier einfach sagen, wer diese Internet-Dienste in Anspruch nehmen möchte, solle das tun, wer nicht, solle es lassen.
Doch hier liegt der Fall etwas anders. Eine deutsches staatliches Institut hat einem ausländischen kommerziellen Unternehmen das Monopol für den Zugriff auf diesen Teil unseres Kulturgutes in die Hand gegeben. Wenn ich den Inhalt dieser Dokumente, die Aussagen zu meinen Vorfahren enthalten, einsehen möchte, muss ich das über dieses eine Unternehmen machen. Dass ich als Gegenleistung für die Einsichtnahme Gebühren bezahlen soll, halte ich für angemessen. Dem Unternehmen sind Aufwendungen entstanden, und mir würden auch Aufwendungen bei einem (erneuten) Archivbesuch entstehen. Mich persönlich stört es nicht besonders, dass es sich um ein ausländisches Unternehmen handelt; ich finde es nur ein Trauerspiel, dass der deutsche Staat nicht in der Lage ist, den Zugriff auf seine Kulturgüter in eigener Regie zu ermöglichen.
Im vorliegenden Fall stört mich am meisten, dass ich wahrscheilich ein zweites Mal ein Abonnement bei dem amerikanischen Unternehmen abschliessen muss, um endlich an die gewünschten Daten heranzukommen. Meine Empfehlung lautet also: Falls Sie in den Kriegsstammrollen recherchieren möchten, warten Sie, bis die gewünschten Daten auch online vorliegen. Ansonsten laufen Sie Gefahr, später ein weiteres Abonnement abschliessen zu müssen, um endlich an Ihre gesuchten Daten heranzukommen.